67. Beethoven an Carl Amenda in Wirben
Vien den 1ten Juli [1801]
mein lieber, mein guter Amenda , mein herzlicher Freund!
mit inniger Rührung, mit gemischtem Schmerz und Vergnügen habe ich deinen lezten Brief erhalten und gelesen. – womit soll ich deine Treue deine Anhänglichkeit an mich vergleichen, o das ist recht schön, daß du mir immer so gut geblieben, ja ich weiß dich auch mir vor allen bewährt und herauszuheben, du bist kein Wiener-Freund, nein du bist einer von denen wie sie mein Vaterländischer Boden hervorzubringen pflegt, wie oft wünsche ich dich bey mir, denn dein B. lebt sehr unglücklich, im streit mit Natur und schöpfer, schon mehrmals fluchte ich lezterm, daß er seine Geschöpfe dem kleinsten Zufall ausgesezt, so daß oft die schönste Blüthe dadurch zernichtet und zerknikt wird, wisse, daß ich <den <für mich> bey> mir der edelste<n> Theil mein Gehör sehr abgenommen hat, schon damals als du noch bey mir warst, fühlte ich davon spuren, und ich verschwieg's, nun ist es immer ärger geworden, ob es wird wieder können Geheilt werden, das steht noch zu erwarten, es soll von den Umständen meines Unterleibs <herrürhen> herrühren, was nun den betrift, so bin ich fast ganz hergestellt, ob nun auch das Gehör besser wird werden, das hoffe ich zwar aber schwerlich, solche Krankheiten sind die unheilbarsten, wie traurig ich nun leben muß, alles was mir lieb und theuer ist meiden, und dann unter so elenden Ego istischen Menschen wie die Zmeskal, Schuppanzig etc, ich kann sagen unter allen ist mir der Lichnowski der erprobteste, er hat mir seit vorigem Jahr 600 fl. ausgeworfen, das und der gute Abgang meiner Werke sezt mich im stand ohne Nahrungssorgen zu leben, alles was ich jezt schreibe, kann ich gleich 4 5 mal verkaufen, und auch gut bezahlt haben – ich habe ziemlich viel die Zeit geschrieben, da ich höre, daß du bey Z. Klawiere bestellt hast, so will ich dir dann manches schicken in den Verschlag so eines Instruments, wo es dich nicht so viel kostet. – jezt ist zu meinem Trost wieder ein Mensch hergekommen mit dem ich das Vergnügen des Umganges und der uneigennüzigen Freundschaft theilen kann, er ist einer meiner JugendFreunde, ich habe ihm schon oft von dir gesprochen, und ihm Gesagt, daß seit ich mein Vaterland verlaßen du einer derjenigen bist, die mein Herz ausgewählt hat, auch ihm kann der Z. [meskall] nicht gefallen, er ist und bleibt zu schwach zur Freundschaft, ich betrachte ihn und S. [chuppanzigh] als bloße Instrumente, worauf ich, wenn's mir gefällt, spiele, aber nie können sie edle Werkzeuge meiner innern und aüßern Thätigkeit, eben so wenig als wahre theilnehmer Von mir werden, ich taxire sie nur nach dem, was sie mir leisten.
o wie glücklich wäre ich jezt, wenn ich mein vollkommnes Gehör hätte, dann eilte ich zu dir, aber so von alles muß ich zurückbleiben, meine schönsten Jahre werden dahin fliegen, ohne alles das zu wirken, was mir mein Talent und meine Kraft geheißen hätten – traurige resignation zu der ich meine Zuflucht nehmen muß, ich habe mir Freylich vorgenommen mich über alles das hinaus zu sezen, aber wie wird es möglich seyn? Ja Amenda wenn nach einem halben Jahre mein Üebel unheilbar wird, dann mache ich Anspruch auf dich, dann must du alles Verlassen und zu mir kommen, ich reise Dann, (bey meinem spiel und Komposition macht mir mein Üebel noch am wenigsten, nur am meisten im Umgang) und du must mein Begleiter seyn, ich bin überzeugt mein Glück wird nicht fehlen, womit könnte ich mich jezt nicht messen, ich habe seit der Zeit du fort bist, alles geschrieben, bis auf opern und Kirchensachen, ja du schlägst mir's nicht ab, du hilfst deinem Freund seine sorgen sein übel tragen, auch mein Klavierspielen habe ich sehr Vervollkommet, und ich hoffe diese Reise soll auch dein glück vieleicht noch machen, du bleibst hernach ewig bey mir
Ich habe alle deine Briefe erhalten, so wenig ich dir auch antworte, so warst du doch immer mir gegenwärtig, und mein Herz schlug so zärtlich wie immer für dich. –
<von> die Sache meines Gehörs bitte ich dich als ein großes Geheimniß aufzubewahren, und niemanden, wer er auch sey, anzuvertrauen. –
schreibe mir recht oft, deine Briefe, wenn sie auch noch so kurz sind, trösten mich, thun mir wohl und ich erwarte bald wieder von dir mein lieber einen Brief. – dein Quartett gieb ja nicht weiter, weil ich es sehr umgeändert habe, indem ich erst jezt recht quartetten zu schreiben weiß, was du schon sehen wirst, wenn du sie erhalten wirst. – Jezt leb wohl lieber guter, glaubst du vieleicht, daß ich dir hier etwas angenehmes erzeigen kann, so versteht sich's wohl von selbst, daß du zuerst davon Nachricht gieb[s]t
deinem Treuen dich wahrhaft liebenden
lv. Beethowen.
v.Wien.
An Herrn Herrn Carl Amenda. zu Wirben in Kurland.
1
Die Jahreszahl ist wie bei Brief 65 , der zahlreiche Gemeinsamkeiten mit dem vorliegenden Brief aufweist, aus dem Inhalt zu erschließen.
2
Möglicherweise ist Brief 51 gemeint.
3
"der" nachträglich eingefügt. Beethoven wollte ursprünglich schreiben: "daß ich den für mich edelsten Theil" . Er änderte dann in "daß ich den bey mir edelsten Theil" , ehe er die endgültige Version "daß mir der edelste Theil" , fand, wobei er das "ich" zu streichen vergaß.
4
Vgl. Brief 65 .
5
Die Initiale ist eindeutig als "Z" zu lesen und nicht als "S" , wie andere Ausgaben sie wiedergeben. Gemeint ist vermutlich Nikolaus Zmeskall. Wie ein Brief von Wolfgang Amadeus Mozart (Sohn) an Amenda vom 21.6.1801 zeigt, kaufte Amenda auch ein Klavier von Johann Baptist und Nannette Streicher (Ludwig Nohl, Beethoven, Liszt, Wagner , Wien 1874, S.92):
"Lieber Amenda!
Ich wünschte schon lange nichts sehnlicher, als eine Gelegenheit ihnen schreiben zu können, konnte aber noch keine finden; izt aber, da ich bey dem H.v. Streicher bin um mich ganz der Musik meinem Fache zu widmen, fand ich diese, bey Uebersendung Ihres Klavieres, auf welchem ich schon oft gespielt habe. Ich spreche oft mit H.v. Streicher und seiner Frau von ihnen, und habe vernommen, daß sie geheurathet und einen Sohn bekommen haben, welcher ihnen, wie ich wünsche, viele Freude machen wird. Ich bleibe ihr aufrichtiger Freund und ehemaliger Zögling
Wolfgang Mozart."
6
Stephan von Breuning, vgl. Brief 65 Anm. 8 .
7
Von den Briefen, die Amenda vor Juli 1801 an Beethoven schrieb, ist nur der Brief 51 überliefert.
8
Beethoven hatte Amenda anläßlich seiner Abreise aus Wien eine Abschrift der ersten Fassung des Quartetts op. 18 Nr. 1 geschenkt, s. Brief 42 vom 25.6.1799.
9
Die Streichquartette op. 18 sind vor und während der Veröffentlichung (1801) mehrfach überarbeitet worden, s. Sieghard Brandenburg, Beethovens Streichquartette op. 18 , in: Beethoven und Böhmen, hrsg. von Sieghard Brandenburg und Martella Gutiérrez-Denhoff, Bonn 1988, S. 259 bis 310.