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Ungebräuchliche und schwer verständliche Abkürzungen im Brieftext werden in eckigen Klammern [ ] aufgelöst. Die gängigen Abkürzungen und Zeichen für Münzen und Währungen bleiben unverändert. Nicht aufgelöst werden auch die geläufigen Abkürzungen bei Tempo- und Instrumentenbezeichnungen wie Allo, Andte, Vno(Violino) und Vcello(Violoncello).

Wurde ein Dokument im Laufe der Überlieferung getrennt und befindet sich nur ein Teil im Beethoven-Haus Bonn, ist dieser Teil in der Übertragung fett wiedergegeben.

Abkürzungen in den Brieftexten

  • # Dukaten
  • sfl., f., fr. Florin, Gulden
  • kr, xr, x Kreuzer
  • C.M., c.m. Konventionsmünze
  • W.W., w.w. Wiener Währung
  • BZ, B.Z. Bancozettel
  • £ Pfund Sterling
  • Rthlr Reichstaler
  • Thlr Taler
  • d.c. da capo
  • d.g., dgl. dergleichen
  • d.s. dal segno
  • etc. et cetera
  • mp, m.p. manu propria
  • Nb. Nota bene
  • P.P. Praemissis Praemittendis
  • P.S. Postscriptum
  • P.T. Pleno Titulo

Der nachgestellte Kommentar enthält den Quellennachweis sowie textkritische und erläuternde Anmerkungen. Für die häufiger zitierte Literatur werden Abkürzungen und Siglen verwendet.

70. Beethoven an Franz Gerhard Wegeler in Bonn

Vienam 16ten Nowember 18011 .

Mein guter Wegeler! ich danke dir für den Neuen Beweiß deiner sorgfalt um mich, um so mehr, da ich es so wenig um dich verdiene – du willst wissen, wie es mir geht, was ich brauche, so ungerne ich mich von dem Gegenstande überhaupt unterhalte, so thue ich es doch noch am liebsten mit dir – Wering2 läßt mich nun schon seit einigen Monathen immer Fisikaturen3 auf beyde Armen legen, welche aus einer gewissen Rinde, wie du wissen wirst, besteh<t>en, das ist nun eine höchst unangenehme Kur, indem ich immer ein paar Täge des Freyen Gebrauchs (ehe die Rinde genug gezogen hat) meiner Armen beraubt bin, ohne der schmerzen zu gedenken, es ist nun wahr, ich kann es nicht laügnen, das sausen und brausen ist etwas schwächer als sonst, besonders am Linken Ohre, mit welchem eigentlich meine Gehörkrankheit angefangen hat, aber mein Gehör ist gewiß um nichts noch gebessert, ich wage es nicht zu bestimmen, ob es nicht eher schwächer geworden? – mit meinem unterleib gehts besser, besonders wenn ich einige Täge das lauwarme Bad brauche, befinde ich mich 8 auch 10 Täge ziemlich wohl; sehr selten einmal etwas stärkendes für den Magen, mit den Kraütern auf den Bauch fange ich jezt auch na[c]h deinem Rath an; von sturzbäder will W.[ering] nichts wissen überhaupt aber bin ich mit ihm sehr unzufrieden, er hat gar zu wenig sorge und Nachsicht für so eine Kranckheit, komme ich nicht einmal zu ihm und das geschiet auch mit viel mühe, so würde ich ihn nie sehen – was hältst du von schmidt4 , ich wechsle zwar nicht gern, doch scheint mir W. ist zu sehr Praktiker als daß er sich viel neue Ideen durchs Lesen verschafte – S.[chmidt] scheint mir hierin ein ganz anderer Mensch zu seyn und würde vieleicht auch nicht gar so nachläßig seyn? –
man spricht Wunder vom Galwanism5 was sagst du dazu? – ein Medeziner sagte mir er habe ein Taubstummes Kind sehen sein Gehör wieder erlangen inBerlin, und einen Mann der ebenfalls sieben Jahr taub gewesen, und sein Gehör wieder erlangt habe – ich höre eben deinSchmidt6 macht hiermit versuche – etwas angenehmer lebe ich jezt wieder, indem ich mich mehr unter Menschen gemacht, du kannst es kaum glauben, wie öde, wie traurig ich mein Leben seit 2 Jahren zugebracht, wie ein Gespenst ist mir mein schwaches Gehör überall erschienen, und ich flohe – die Menschen, mußte Misantrop scheinen, und bins doch so wenig, diese Veränderung hat ein liebes zauberisches Mädchen7 hervorgebracht, die mich liebt, und die ich liebe, es sind seit 2 Jahren wieder einige seelige Augenblicke, und es ist das erstemal, daß ich fühle, daß – heirathen glücklich machen könnte, leider ist sie nicht von meinem stande – und jetzt – könnte ich nun freylich nicht heirathen – ich muß mich nun noch wacker herumtummeln, wäre mein Gehör nicht, ich wäre nun schon lang die halbe Welt durchgereißt, und das muß ich – für mich gibts kein großeres Vergnügen als meine Kunst zu treiben und zu zeigen – glaub nicht daß ich bey euch glücklich seyn würde, was sollte mich auch glücklicher machen, selbst eure sorgfalt würde mir wehe thun, ich würde jeden Augenblick das Mitleiden auf euren Gesichtern lesen, und würde mich nur noch unglücklicher finden –
jene schöne vaterländische Gegenden, was war mir in ihnen beschieden, nichts als die hoffnung in einen beßern Zustand, er wäre mir nun geworden – ohne dieses übel, o die Welt wollte ich umspannen von diesem Frey, meine Jugend – ja ich fühle es, sie fängt erst jezt an, war ich nicht immer ein siecher Mensch, meine körperliche Kraft – nimmt seit einiger Zeit mehr als jemals zu, und so meine Geisteskräfte jeden tag gelange ich mehr zu dem Ziel, was ich fühle, aber nicht beschreiben kann, nur hierin kann dein B. leben, nichts von ruhe – ich weiß von keiner andern als dem schlaf, und wehe genug thut mirs, daß ich ihm jezt mehr schenken muß als sonst, nur halbe befreyung von meinem übel, und dann – als vollendeter, reifer Mann komme ich zu euch erneure die alten FreundschaftGefühle, so glücklich als es mir hinieden beschieden ist, sollt ihr mich sehen, nicht unglücklich – nein das könnte ich nicht ertragen – ich will dem schicksaal in den rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiß nicht – o es ist so schön das Leben tausendmal leben – für ein stilles – Leben, nein ich fühl's, ich bin nicht mehr dafür gemacht – du schreibst mir doch so bald als möglich – sorgst, daß der Steffen sich bestimmt, sich irgendwo imDeutschen Orden anstellen zu laßen,8 das Leben hier ist für seine Gesundheit mit zu viel strapazzen verbunden, noch obendrein fürht er so ein isolirtes Leben, daß ich gar nicht sehe, wie er so weiter kommen will, du weißt wie das hier ist, ich will nicht einmal sagen, daß gesellschaft seine Abspannung vermindern würde, man kann ihn auch nirgends hinzugehen überreden, ich habe einmal bey mir vor einiger Zeit Musick gehabt, wo ausgesuchte Gesellschaft War,9 unser Freund – St. – blieb doch aus – emphele ihm doch mehr Ruhe und gelassenheit, ich habe schon auch alles angewendet, ohne das kann er nie weder glücklich noch gesund seyn – schreib mir nun im nächsten Briefe, ob's nichts macht, wenns recht viel ist, was ich dir von meiner Musik schicke, du kannst zwar das was du nicht brauchst wieder verkaufen, und so hast du dein Postgeld – mein Portrait10 – auch – alles mögliche schöne und verbindliche an die L.[orchen] – auch dieMama – auch Kristoph11 – Du liebst mich doch ein wenig, sey so wohl von dieser als auch von der Freundschaft überzeugt

Deines
Bthwn



1 Datum von Beethoven rechts am Rand nachgetragen.

2 Stabsfeldarzt Gerhard von Vering.

3 Vesicantia oder Vesikaturen sind blasenziehende Mittel. Wegeler merkt an: "Die Rinde von Daphne mezereum – Seidelbast" , s. Wegeler/ Ries S. 12.

4 Johann Adam Schmidt (1759 – 1809), Stabsfeldarzt und Professor für allgemeine Medizin an der Josephsakademie.

5 Das Hauptforschungsgebiet des Naturforschers Luigi Galvani (1737 – 1798) war die Physiologie der Vögel, insbesondere ihrer Gehörorgane. Ein Zufall ließ ihn im November 1780 den nach ihm benannten Galvanismus (Berührungselektrizität) entdecken. Bald darauf versuchte er, seine Entdeckung therapeutisch einzusetzen.

6 Nach Wegeler derselbe zuvor erwähnte Arzt Johann Adam Schmidt, mit dem er offenbar eng befreundet war: "Dein Schmidt. Mit Schmidt und [Johann Nepomuk] Hunczovsky [1752 bis 1798] lebte ich, bis zu ihrem Tode, in der freundschaftlichsten, innigsten Verbindung. Ersterer schrieb unter sein Portrait, das er mir schickte: Cogitare et esse tui, idem est. Wegelero suo Schmidt" , s. Wegeler/ Ries S. 42, Anm. 3. Anderson (Nr. 54, S. 67, Anm. 1) vermutet dagegen: "Evidently a doctor of the same name practising at Bonn."

7 Vermutlich ist Giulietta Guicciardi (1784 – 1856) gemeint. Im Sommer 1800 war Giulietta mit ihren Eltern nach Wien gekommen. Sie war eine Zeitlang Beethovens Klavierschülerin. Am 3.11.1803 heiratete sie den Grafen Wenzel Robert Gallenberg; s. auch Brief 77 . Beethoven widmete ihr die 1801 entstandene Fantasie-Sonate op. 27 Nr. 2 (Mondscheinsonate).

8 Wie Dokumente im Zentralarchiv des Deutschen Ordens in Wien belegen (GKP Beamte; Karton 591), war Stephan von Breuning bereits seit dem 21.9.1796 bei der Regierung des Ordens zunächst in Mergentheim, später in Wien als Assessor angestellt. Er verließ die Dienste des Ordens erst Anfang 1803 (sein Entlassungsdekret datiert vom 19.1.1803), um im k.k. Hofkriegsrat eine Stelle als Hofkonzipist anzunehmen. 1800 bis 1801 war Breuning einer "selbständigen Hofkommißion in Militair Quartiers Angelegenheiten beygegeben" . Beethoven denkt hier wohl an eine Versetzung aus Wien "irgendwo" an eine andere Dienststelle des Deutschen Ordens.

9 Wahrscheinlich ist die musikalische Veranstaltung vom 15.8.1801 gemeint, von der Franz Anton Hoffmeister seinem Kompagnon Ambrosius Kühnel am 19.8.1801 berichtet: "samstags war Musik bei Beethoven, alwo auch ich, Bernard Forkel, Salieri, Preindl, Pär etc etc samt einer Menge Damen und Cavalier s zugegen warn" (Leipzig, Sächsisches Staatsarchiv, Musikverlag C.F. Peters, Nr. 1404 fol. 70r).

10 Gemeint ist wohl der Stich von Johann Joseph Neidl nach einer verschollenen Zeichnung von Gandolf Stainhauser von Treuberg, der im Herbst 1801 bei Giovanni Cappi in Wien erschienen ist (vgl. Brief 62 Anm. 3 und Brief 65 Anm. 12).

11 Die Grüße gelten Wegelers späterer Gattin Eleonore von Breuning sowie deren Mutter Maria Helene und Bruder Christoph von Breuning.


© 1998 G. Henle Verlag, München