392. Beethoven an Breitkopf & Härtel in Leipzig
[Wien, 26. Juli 1809]
Mein Lieber Herr, sie irren sich wohl, wenn sie mich so wohl glaubten, wir haben in diesem Zeitraum ein recht zusammengedrängtes Elend erlebt, wenn ich ihnen sage, daß ich seit dem 4ten May wenig zusammen hängendes auf die Welt gebracht beynahe nur hier oder da ein Bruchstück – der ganze Hergang Der Sachen hat bey mir auf leib und Seele gewirkt, noch kann ich des Genußes, des mir so unentbehrlichen Landlebens, nicht theilhaftig werden –
meine kaum kurz geschafne existenz beruht auf einem Lockern Grund – selbst diese kurze Zeit habe ich noch nicht ganz die mir gemachten Zusagen in Wirklichkeit gehen sehen – von Fürst Kynsky einer meiner Interessenten habe ich noch keinen Heller erhalten – und das jezt zu der Zeit, wo man es am Meisten Bedürfte – der Himmel weiß, wie es weiter gehen wird – Veränderung Des Aufenthalts dürfte doch auch mir jezt bevorstehen – die Kontributionen fangen mit heutigem dato an – Welch zerstörendes wüstes Leben um mich her nichts als trommeln Kanonen Menschen Elend in aller Art – meine jezige Lage macht, daß ich schon wieder knickern muß mit ihnen, daher glaube ich, daß sie mir wohl 250 fl in Konwenzions-Münze für die 3 größern Werke schicken könnten, ich glaube eben nicht, daß das auch nur im Mindesten eine beträchtliche Summe ist, und jezt bedarf ich's – denn auf alles in meinem Dekret zugesagt ist in diesem Augenblick nicht zu rechnen –
schreiben sie mir daher, wenn sie diesen Antrag annehmen wollen, die Messe allein konnte ich schon mit 100 fl in Konwenzions-Münze Honorirt haben – sie wissen, daß ich immer offen mit ihnen in d.G. bin –
Hier eine Gute Portion Druckfehler auf die ich, da ich mich mein Leben nicht mehr bekümmere, [um] das, was ich schon geschrieben habe, durch einen guten Freund von mir Aufmerksam gemacht wurde (nemlich in der Violonschell Sonate) ich laße hier dieses Verzeichniß schreiben oder Drucken, und in der Zeitung ankündigen, daß alle, diejenigen welche sie schon gekauft, dieses holen können – Dieses bringt mich wieder auf die Bestätigung der von mir gemachten Erfahrung, daß nach meinen von meiner eigenen Handschrift geschriebenen Sachen am richtigsten gestochen wird – vermuthlich dörften sich auch in der Abschrift, die sie haben, manche Fehler finden, aber bey dem übersehen übersieht wirklich der verfasser die Feler – nächstens erhalten sie das Lied ich "denke dein" welches bestimmt war, in dem Verunglückten Prometheus aufgenommen zu werden, und worauf ich gänzlich ohne ihre Erinnerung vergessen hätte – nehmen sie es als ein kleines Geschenk an – ich danke ihnen jezt erst für die mir wirklich schön übersezten Tragödien des Euripides, ich habe mir unter den für mich bestimmten <angezeigten> Poesien auch aus Kalliroe einiges bezeichnet, das ich in Noten oder Tönen zu bringen gedenke – nur mögte ich die Nammen desVerfassersoderübersezersdieser Tragödie wissen – ich habe bey TraegdenMessias für mich genommen als ein privilegium , welches sie mir schon <still> mit einiger Thätigkeit hier (bey ihrem daseyn) zustellten, freylich habe ich's dadurch weiter ausgedehnt, ich hatte einigemal angefangen wöchentlich eine kleine Singmusik bey mir zu geben – allein der unseelige Krieg stellte alles ein – zu diesem Zwecke und überhaupt würde mir's lieb seyn, wenn sie mir die Meisten Partituren, die sie haben, wie zum B.[eispiel] Mozarts requiem etc. Haidns Messen überhaupt alles von Partituren wie von Haidn Mozart Bach Johann Sebastian bach emanuel etc nach und nach Schikten – Von Emanuel Bachs Klavierwerke habe ich nur einige Sachen, und doch müßen einige jedem wahren Künstler gewiß nicht alle[i]n zum hohen Genuß sondern auch zum Studium dienen, und mein größtes Vergnügen ist es werke die ich nie oder nur selten gesehn, bey einigen wahren Kunstfreunden zu spielen – ich werde schon einige Entschädigung für sie auf eine Art veranstalten, daß sie zufrieden seyn sollen – ich höre, daserste Trioist hier, ich habe kein Exemplar erhalten, und bitte sie darum, auch würde es mir lieb seyn, wenn sie die andern noch herauszugebenden Werke mir doch noch zur Korrektur schickten, alle Partituren erhalten sie künftig von meiner eigenen Hand, Es sey denn, daß ich ihnen die ausgeschriebenen Stimmen schickte, aus denen man gespielt – sollte ich meinen Aufenthalt verändern, so werde ich's ihnen gleich anzeigen – doch trift mich, wenn sie gleich schreiben, ihre Antwort noch sicher hier – vieleicht wird der Himmel wollen, daß ich doch nicht ganz aufgeben muß, Vien als meinen Beständigen Aufenthalt zu betrachten
Leben sie wohl, ich wünsche, so sehr Es unser wüstes Zeitalter zu läßt, errinnern sie sich ihres
ergebensten Dieners und Freundes
Beethowen
Vien am 26ten Juli 1809
An Breitkopf und Härtel in Leipzig
1
Am 4.5.1809 war die kaiserliche Familie von Wien nach Ofen geflüchtet, um sich vor der heranrückenden Armee Napoleons in Sicherheit zu bringen. Nach zweitägiger Belagerung hatte Wien am 12.Mai kapituliert.
2
Gemeint ist der Rentenvertrag vom 1.3.1809.
3
Beethoven hatte tatsächlich von Fürst Ferdinand Kinsky, einem der drei Unterzeichner des Rentenvertrags, noch keine Zahlung erhalten. Erst am 20.6.1810 gab der Fürst eine entsprechende Anweisung.
4
Am 26.7.1809 war erneut eine Kontributionsforderung an die Stadt Wien ergangen. Über die immensen Leistungen der Stadt seit ihrer Kapitulation am 12.5.1809 s. TDR III, S. 138f. Auch Beethoven war durch Zwangsanleihen direkt betroffen.
5
Op. 72, op. 85 und op. 86. Dasselbe Honorar hatte Beethoven bereits am 5.4.1809 verlangt, s. Brief 375 .
6
Von Nikolaus Simrock, s. Brief 387 .
7
Beethoven schickte offenbar erst einige Tage später ein handschriftliches Fehlerverzeichnis zur Originalausgabe von op. 69 ab, s. Brief 393 . Ein Druck ist nicht bekannt.
8
WoO 136, im März 1810 bei Breitkopf & Härtel erschienen.
9
Gemeint ist die Zeitschrift Prometheus , die von Leo von Seckendorf und Joseph Ludwig Stoll 1808 in Wien herausgegeben wurde. Im dritten Heft war Beethovens Lied Sehnsucht (Goethe) in der ersten der vier Vertonungen WoO 134 erschienen. Mit dem 5./6. Heft (Doppelnummer) mußte das Erscheinen der Zeitschrift im September 1808 eingestellt werden.
10
Wohl die Übersetzung der Werke des Euripides von Friedrich Heinrich Bothe, die in fünf Bänden 1800 – 1803 in Berlin und Stettin erschienen ist, s. Goedeke 7, S. 282 Nr.5.
11
Kallirhoe, Tragödie von Johann August Apel (1771 – 1816), erschienen 1806 in Leipzig; s. Goedeke 6, S. 460, Nr. 5.
12
Johann Traeg (Sohn) war der Wiener Kommissionär der Verlagswerke von Breitkopf & Härtel.
13
Gottfried Christoph Härtel hatte Beethoven im September 1808 in Wien besucht.
14
Das Klaviertrio in D-Dur op. 70 Nr. 1 war im Juni 1809 erschienen.