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Wurde ein Dokument im Laufe der Überlieferung getrennt und befindet sich nur ein Teil im Beethoven-Haus Bonn, ist dieser Teil in der Übertragung fett wiedergegeben.

Abkürzungen in den Brieftexten

  • # Dukaten
  • sfl., f., fr. Florin, Gulden
  • kr, xr, x Kreuzer
  • C.M., c.m. Konventionsmünze
  • W.W., w.w. Wiener Währung
  • BZ, B.Z. Bancozettel
  • £ Pfund Sterling
  • Rthlr Reichstaler
  • Thlr Taler
  • d.c. da capo
  • d.g., dgl. dergleichen
  • d.s. dal segno
  • etc. et cetera
  • mp, m.p. manu propria
  • Nb. Nota bene
  • P.P. Praemissis Praemittendis
  • P.S. Postscriptum
  • P.T. Pleno Titulo

Der nachgestellte Kommentar enthält den Quellennachweis sowie textkritische und erläuternde Anmerkungen. Für die häufiger zitierte Literatur werden Abkürzungen und Siglen verwendet.

608. Beethoven an Fürstin Maria Charlotte Kinsky

[Wien, 30. Dezember 1812]

Eure Durchlaucht!

Das unglückliche Ereigniß, – welches Seine Durchlaucht den Fürsten von Kinsky, HochDero seeligen Gemahl, dem Vaterlande, Ihren theuern Angehörigen, & so Vielen entriß,1 die Sie großmüthig unterstützten; welches jedes für das Große und Schöne empfängliche Gemüth mit tiefer Trauer erfüllte, – traf auch mich auf eben so sonderbare als für mich empfindliche Weise. Die herbe Pflicht der Selbsterhaltung zwingt mich Eurer Durchlaucht eine gehorsamste Bitte vorzulegen, welche, wie ich hoffe, in ihrer Billigkeit zugleich die Entschuldigung mit sich führen wird, Eure Durchlaucht in einem Augenblicke, wo so viele wichtige Gegenstände Sie beschäftigen, damit belästigt zu haben. – Erlauben Eure Durchlaucht! Ihnen diese Angelegenheit vorzulegen.
Es wird Eurer Durchlaucht ohne Zweifel bekannt sein, daß, als ich im Jahre 1809 den Ruf nach Westphalen erhielt, Seine Durchlaucht der Fürst von Kinsky, HochDero seeliger Gemahl, vereint mit seiner kais. Hoheit dem Erzherzog Rudolph, und Sein. Durchlaucht dem Fürsten von Lobcovitz sich erboten, mir lebenslänglich einen jährlichen Gehalt von VierTausend Gulden zu bewilligen, wenn ich diese Anstellung aufgeben, & in Oesterreich bleiben wollte. Obwohl schon damals diese Summe in keinem Verhältnisse mit jener stand, welche mir in Westphalen zugesichert war, so ließ mich dennoch die Vorliebe für Oesterreich sowohl, als die Anerkennung dieses höchst großmüthigen Antrags keinen Augenblick anstehen, denselben anzunehmen. Der Antheil, welchen Seine Durchlaucht der Fürst von Kinsky an diesem Gehalte nahmen, betragt f 1800. – welche ich seit 1809 in vierteljährigen Raten aus der Hochfürstlichen Cassa erhielt. Die späterhin eingetrettenen Zeitumstände verringerten zwar diesen Betrag auf eine Kleinigkeit, dennoch beschied ich mich gerne, bis im vorigen Jahr das Patent in Betreff der Reduktion der Bco . Zettel in Einl.[ösungs-] Scheinen erschien.2 Ich wendete mich an S eine kais. Hoheit den Erzherzog Rudolph mit der Bitte mir den Höchstdieselben betreffenden Antheil an meinem Gehalt, nehmlich f 1500. – , künftig in Einl. Scheinen ausbezahlen zu lassen. S eine kais. Hoheit gestanden sie mir augenblicklich zu, und ließen mir eine schriftliche Versicherung darüber ausstellen.3 Dasselbe bewilligte mir auch der Fürst von Lobcovitz für seinen Antheil v [on] f 700. – ;4
Da Seine Durchlaucht der Fürst von Kinsky dazumahl in Prag waren, so ließ ich Hochdenenselben im Monathe May dieses Jahres durch den Herrn Varnhagen von Ense, Offizier im Regimente Vogelsang die gehorsamste Bitte überreichen, mir den Seine Durchlaucht betreffenden Theil an meinem Gehalte v f 1800. – gleich den andern beiden Hohen Theilnehmern in Einl. Scheinen bezahlen zu lassen.5 Herr von Varnhagen berichtete <mir> folgendes, wie es sein in Orginal existiren der Brief6 beweißt:
"Gestern hatte ich mit dem Fürsten v. Kinsky eine gehörige Unterredung. Unter den größten Lobsprüchen für Beethoven gestand er augenblicklich dessen Forderung zu und will demselben von der Zeit an, daß Einlösungsscheine aufgekommen sind, die Rückstände und die zukünftigen S ummen in dieser Währung auszahlen. Der Kassier erhält hier die nöthige Weisung und Beethoven kann bey seiner Durchreise hier alles erheben, oder falls es ihm lieber ist, in Wien, sobald der Fürst dorthin zurückgekommen sein wird.
Prag den 9 Juny 1812" –
Da ich einige Wochen darauf, auf meiner Reise nach Toplitz durch Prag kam,7 stellte ich mich dem Fürsten vor, und erhielt von Denenselben die Bestättigung dieser Zusage in ihrem ganzen Umfange. Seine Durchlaucht erklärten mir überdieß daß Sie die Rechtmässigkeit meiner Bitte vollkommen einsähen, und sie nicht anders als billig fänden. Da ich mich nicht in Prag aufhalten konnte bis diese Angelegenheit ganz abgemacht war, so hatte Seine Durchlaucht die Gnade mir als a Conto Zahlung 60 Stücke Ducaten zu geben welche nach Hochdero Äußerung mir für f 600, Wien. Währ. gelten sollten. Bey meiner Zurückkunft nach Wien sollten die Rückstände8 in Ordnung gebracht und der Befehl an die Cassa gegeben werden mir in Zukunft meinen Gehalt in Einl. Scheinen zu bezahlen. So lautete der Wille Seiner Durchlaucht. Meine Kränklichkeit nahm in Töplitz zu, und ich war gezwungen länger da zu bleiben als ich mir früher vorgenommen hatte;9 ich ließ daher Seiner Durchlaucht welche Sich damals in Wien befand im Monathe September dieses Jahres durch einen meiner hiesigen Freunde Herrn Oliva eine gehorsamste schriftliche Erinnerung an Ihr Versprechen überreichen,10 und Seine Durchlaucht hatten neuerdings die Gnade diesem Herrn das gegebene Versprechen zu wiederholen, & zwar mit dem Zusatze, daß Sie in einigen Tagen das Nöthige deßhalb, an die Cassa verfügen wollten.
Einige Zeit darauf reißten Sie fort, –
Bey meiner Ankunft in Wien ließ ich mich bey dem fürstlichen Herrn Rath11 erkundigen, ob mein Gehalt vor der Abreise des Fürsten angewiesen worden sei, und hörte zu meinem Erstaunen daß Seine Durchlaucht nichts in dieser Sache verfügt hätte.
Die Liquidität meiner Bitte beweißt das Zeugniß der Herren von Varnhagen und Oliva,12 mit welchen beyden Seine Durchlaucht gesprochen und welchen Sie Ihre Zusage wiederholten. – Auch bin ich überzeugt daß die Hohen Erben, und Nachkommen dieses edlen Fürsten gewiß im Geiste Seiner Humanität & Großmuth fortwirken, und Seine Zusage in Erfüllung bringen werden.
Ich lege daher meine gehorsamste Bitte "mir die Rückstände meines Gehaltes in Einl. Scheinen zu bezahlen, und an die Hochfürstl. Cassa die Weisung zu geben, daß mir die künftige Beträge desselben, in derselben Währung verabfolgt werden" getrost in die Hände Eurer Durchlaucht , und erwarte von Ihrer Gerechtigkeit die günstige Entscheidung derselben.13

Eurer Durchlaucht ganz horsamster.
ludwig Van Beethowen.
Wien den 30 Dec. 1812.



1 Fürst Ferdinand Kinsky war am 2.11.1812 bei einem Ritt gestürzt und am 3.11.1812 gestorben. Über den Unfall berichtet ausführlich Graf Bentheim in einem Brief an Varnhagen vom 6.11.1812, s. Emil Jacobs, Beethoven, Goethe und Varnhagen von Ense , in: Die Musik 4 (1904), S. 400:

"Mein lieber Varnhagen! Von einer der traurigsten Fahrten, die ich in meinem Leben gemacht, erkältet und unpässlich in der Nacht zurückgekehrt, schreibe ich Ihnen diese Zeilen aus meinem Bette, um die heutige Post nicht zu versäumen.
Ich war gestern in Budenitz und habe die Leiche des Fürst Ferdinand Kinsky zur Ruhestädte begleitet. Dieser als Mensch, Patriot und Freund so seltene Mann, der vor Kurzem Oberst des Schwarzenbergischen Regiments geworden, und von Wien auf einige Wochen mit Urlaub hierherkam, starb auf eine so unglückliche Art, die mich und alle die ihn kannten, unbeschreiblich betrübte. Er eilt seiner ehemals bey Klenau comandirten Divison nach Weldus entgegen, ass in dem Wirtshaus bey seinen alten Cameraden und ersuchte Major Nesselrode, ihn eins seiner Lieblingspferde reiten zu lassen. Es geschieht und Nesselrode, aus einer Ahndung vielleicht, will ihn ein anderes reiten lassen, doch er entetiert sich auf dieses. Sie reiten und Kinsky, der gleich in cariere fällt, last den Nesselrode etwas zurück – er folgt indessen und bemerkt, dass die ... Gurten gerissen und ... rechts und links vom Sattel herunterhangen. Er schreit auf Kinsky, dieser hört nicht oder konnte nicht hören und bey einer kleinen Biegung im Weg fallt Kinsky vorwärts mit samt dem Sattel hinunter. Nesselrode und noch ein Offizier steigen ab und finden ihn ganz ohne Besinnung und ohne Bewegung. Er wird ins Wirtshaus gebracht nachmittags 3Uhr fangt gleich an zu röcheln und stirbt 3 Uhr Nachts ...
Ganz Prag ist in Trauer versetzt und die Fürstin, die einige Meilen von dort war, ist unbeschreiblich unglücklich, doch ist man nicht mehr um ihr Leben besorgt. Eine schreckliche Begebenheit, von der auch Sie sehr ergriffen sein werden."

2 Das "Finanzpatent" vom 20.11.1811 war am 15.3.1811 in Kraft getreten. Durch dieses Gesetz waren die Bankozettel im Verhältnis 5:1 durch Einlösungsscheine ersetzt worden.

3 Brief 552 vom 18.2.1812, nicht überliefert.

4 Die Zusage des Fürsten Lobkowitz war ebenso wie jene Kinskys lediglich mündlich erfolgt.

5 Vgl. Olivas Brief an Varnhagen vom 3.6.1812 (Brief 578).

6 Brief 579 vom 9.6.1812; der folgende Absatz ist ein Zitat daraus. Dem vorliegenden Schreiben wurde außerdem eine Abschrift des Briefes beigelegt.

7 Beethoven war am 1.7. in Prag angekommen und reiste am 4.7.1812 nach Teplitz weiter. Fürst Kinsky hatte er am Morgen des 4.7.1812 getroffen.

8 Beethoven hatte seit dem 1.9.1811 kein Gehalt mehr von Kinsky erhalten.

9 Beethoven war Ende September aus Teplitz abgereist und war dann, möglicherweise ohne Zwischenaufenthalt in Wien, zu seinem Bruder Johann nach Linz gefahren. Erst im November oder Anfang Dezember 1812 kehrte er nach Wien zurück.

10 Möglicherweise ist dies der fragmentarisch erhaltene Brief 603 .

11 Johann Michael Obermiller.

12 Das Zeugnis war dem vorliegenden Schreiben im Original beigefügt. Nach einer in den Kinskyschen Familienpapieren befindlichen Abschrift hatte es den folgenden Wortlaut:

"Zeugiß
Im Monate September d.J. erhielt ich von Herrn Ludwig von Beethoven, welcher sich damahls in Töplitz befand, den Auftrag zu Seiner Durchlaucht dem Herrn Fürsten von Kinsky zu gehen, und Hochdieselben an das Versprechen, welches Seiner Durchlaucht am 8 Juny d.J. dem Herrn von Varnhagen, und am 4te July d.J. dem Herrn von Beethoven gegeben hatte zu erinnern. – Ich gieng alsogleich zu Seiner Durchlaucht, und Hochdieselben sagten folgendes zu mir:
'Ich habe d[em] Herr von Beethoven in Prag mein Wort gegeben, ihm die Rückstände seines Gehaltes, als auch die künftigen Beträge in EinlösungsScheinen auszahlen zu lassen – die Sache geht ganz in Ordnung, und ich werde in einigen Tagen das nöthige an meiner Cassa verfiegen' welches ich hiemit der Wahrheit zu Steuer mit meiner eigenhändigen Schrift und Unterschrift bezeuge, und mich anheischig mache es nöthigenfalls eidlich zu bekräftigen. Wien den 30ten dec. 1812.
(L.S.) fr Oliva
Salda Contist im Comptoir der
Banquiers gebrüder Ofenheimer"
(Staatsarchiv Litom ě ř i č e, Zweigstelle De č in, Kinskysche Familienakten, Karton 520, fol. 2).

13 Die Fürstin leitete Beethovens Gesuch an Graf Kolowrat in Prag weiter, da sie in finanziellen Angelegenheiten nicht ohne die Zustimmung des Mitvormundes und der Vormundschaftsbehörde, des böhmischen Landrechts in Prag, entscheiden konnte. Über diesen Schritt informierte sie Beethoven in einem Brief vom Januar oder Anfang Februar 1813, der nicht überliefert ist. In Prag übergab Graf Kolowrat Beethovens Papiere dem für die Kinskysche Familie tätigen Anwalt Dr. Johann Franz Lippa.


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