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Ungebräuchliche und schwer verständliche Abkürzungen im Brieftext werden in eckigen Klammern [ ] aufgelöst. Die gängigen Abkürzungen und Zeichen für Münzen und Währungen bleiben unverändert. Nicht aufgelöst werden auch die geläufigen Abkürzungen bei Tempo- und Instrumentenbezeichnungen wie Allo, Andte, Vno(Violino) und Vcello(Violoncello).

Wurde ein Dokument im Laufe der Überlieferung getrennt und befindet sich nur ein Teil im Beethoven-Haus Bonn, ist dieser Teil in der Übertragung fett wiedergegeben.

Abkürzungen in den Brieftexten

  • # Dukaten
  • sfl., f., fr. Florin, Gulden
  • kr, xr, x Kreuzer
  • C.M., c.m. Konventionsmünze
  • W.W., w.w. Wiener Währung
  • BZ, B.Z. Bancozettel
  • £ Pfund Sterling
  • Rthlr Reichstaler
  • Thlr Taler
  • d.c. da capo
  • d.g., dgl. dergleichen
  • d.s. dal segno
  • etc. et cetera
  • mp, m.p. manu propria
  • Nb. Nota bene
  • P.P. Praemissis Praemittendis
  • P.S. Postscriptum
  • P.T. Pleno Titulo

Der nachgestellte Kommentar enthält den Quellennachweis sowie textkritische und erläuternde Anmerkungen. Für die häufiger zitierte Literatur werden Abkürzungen und Siglen verwendet.

663. Beethoven an Fürst Joseph von Schwarzenberg1

(Konzept)

[Wien, 24. Juli 1813]

Pro Memoria

Im Jahre 1809 erhielt ich vom Hofe von Westphalen den Antrag zu einer Anstellung mit jährlichen 600- # in Gold. Se kaiserliche Hoheit der Erzherzog Rudolph & die Fürsten von Kinsky & Lobcovitz, trugen sich mir freywillig an, mir auf lebenslänge einen Gehalt von VierTausend Gulden jährlich zuzusichern, wenn ich diese Stelle aufgeben & in Oesterreich bleiben wollte.

Der Erzherzog Rudolph verband sich f 1500. – "
" Fürst von Kinsky " 1800. – "
" Fürst von Lobcovitz " 700. – "
f 4000. – "

laut Instrument ddo 1 März 1809 dazu beizutragen.2
Obwohl schon damals diese Summe in keinem Verhaltniß mit der mir in Westphalen angebottenen stand, so entschloß ich mich dennoch aus Vorliebe für Oesterreich dieses Anerbieten anzunehmen, & bezog meinen Gehalt von Interessenten nach Maßgabe ihres Antheils.3
Als das Finanz Patent erschien4 bat ich den Erzherzog Rudolph mir seinen Theil des <Gehaltes>, <der>durch den Cours auf eine unbedeutende Summe herabgekommenen Gehaltes, in Einlosungs Scheinen für voll zu bezahlen. – Er bewilligte mir allsogleich meine Bitte;5 dasselbe that auch Furst Kinsky;6 <als> und da ich während meiner Abwesenheit in Böhmen,7 dem Fürsten Lobcowitz durch einen meiner hiesigen Freunde8 darum angehen ließ, sagte auch dieser zu mir die ihn betreffenden f 700 in Einl. Scheinen bezahlen zu lassen & wiederholte mir bey meiner Zurückkunft9 diese Zusage mündlich. –
Dessenohngeachtet war es nicht möglich bey der fürstlichen Cassa , trotz meiner vielfältigen Anfragen daselbst, & der wiederholten schriftlichen Bitten welche ich dem Fürsten zustellen ließ, meinen seit 1 Septb. 1811 rückständigen Gehalt zu erhalten. –
Gedrängt von mancherley widrigen Familienverhältnissen, & durch den unvorhergesehenen Tod des Fürsten Kinsky10 auch von dieser Seite an der richtigen Beziehung meines Gehalts – gehindert, mußte ich den Betrag des verfallenen Antheils <von> des Fürsten Lobcovitz aufnehmen. – Ich gab die Quittungen in Zahlung & zweifelte nicht an den richtigen Eingang derselben für die Folge.
Da aber auch nach so langer Zeit der Darleiher kein Geld erhalten konnte, klagte er mich gerichtlich um die Wiedererstattung der geliehenen Summe, & ich, unfähig sie wieder zu erstatten, mußte den Fürsten Lobcowitz darum gerichtlich angehen.11
Bey der Tagsatzung welche am 21 ds statt hatte erklärte der Sachwalter des Fürsten von Lobcowitz, Doctor Frischhertz12 , daß er in Abwesenheit des Fürsten,13 den Cassier Dann14 wegen dieser Sache befragt, & von demselben erfahren habe daß der Fürst wohl früher den Auftrag zur Bezahlung dieses Gehalts vf 700 – in voller Wien. Wahr. vom Tage des Patents an gerechnet, <erheb> gegeben <habe>, aber denselben später <zurücknahm> [zurück]genommen habe. – Dr. frischertz äusserte auf den Von meinem Rechtsfreund15 dem Fürsten deßhalb auferlegten Haupteid daß er sich an den Fürsten Lobcovitz wenden wolle um weitere Verhaltungsbefehle einzuziehen. –
Überzeugt daß der Fürst keinen Augenblick anstehen wird sein gegebenes Versprechen zu wiederholen, dessen Zurücknahme an der Cassa wohl nur ein Mißverständniß war,16 bin ich nun so frey Eure Durchlaucht zu bitten, wann diese Sache entschieden sein wird doch gnädigst die baldige Auszahlung derselben anzubefehlen. –
Es kann Eurer Durchlaucht nicht entgehen daß dieser Gehalt <in keine Cathegorie > mit so <vielen> ma[n]chen der fürstl. Lobcovitz Rückstände nicht in einerley Cathegorie kommen könne; er ist eine freywillig angebottene Entschädigung für eine viel bedeutendere Summe <& gehört zum> und zu meinem Lebensunterhalt <eines Menschen dem man> bestimmt. <dadurch> Man wollte mich <durch> dadurch dadurch nach dem erhalt des Decrets über Nahrungsso[r]gen unbekümmert machen <sollte>; welcher Zweck <durch die> bey der jetzigen Behandlungsart ganz verfehlt wird.
Nach den Beweisen von edler Humanitat welche mir Eure Durchlaucht bey einigen Gelegenheiten zu geben die Gnade hatten hoffe ich mit Zuversicht keine Fehlbitte zu thun, & habe die Ehre mit vollkommener Hochachtung zu sein

Eurer Durchlaucht ergebenster Dien[er]
Ludwig van Beethoven
Wien den 24 July 1813



1 Der Adressat ist aus dem Inhalt des Schreibens erschlossen. Aufgrund seiner hohen Verschuldung sah sich Fürst Franz Joseph Maximilian Lobkowitz gezwungen, eine sogenannte "freundschaftliche Administration" einzuberufen, die am 1.6.1813 die Verwaltung seines Vermögens übernahm. An der Spitze dieser Administration stand Fürst Joseph von Schwarzenberg.

2 Gemeint ist der Rentenvertrag vom 1.3.1809. Er ist in einer Abschrift von fremder Hand dem vorliegenden Schriftstück beigelegt (BH 42a).

3 Es folgt eine wohl von späterer Hand in den Zeilenzwischenraum eingefügte Addition:

480
480
240
1200.

4 Durch das sogenannte "Finanzpatent", verkündet am 20.2.1811 und in Kraft getreten am 15.3.1811, wurden die früheren Bankozettel im Verhältnis 5:1 durch Einlösungsscheine ersetzt, welche die einzig gültige Inlandswährung in Österreich darstellten (Wiener Währung).

5 Im Februar 1812; s. Brief 553 .

6 Zu Beethovens Ansprüchen gegenüber Fürst Kinsky s. u.a. Brief 664 .

7 Beethoven hatte sich vom 5. Juli bis Ende September 1812 in Teplitz, Karlsbad und Franzensbad aufgehalten.

8 Wahrscheinlich Franz Oliva, der auch bei Fürst Kinsky für Beethoven vorstellig wurde. Beethoven benennt ihn am 4.1.1815 (Brief 774) als Zeugen.

9 Beethoven war nach einem etwa einmonatigen Zwischenaufenthalt in Linz Anfang November nach Wien zurückgekehrt.

10 Am 3.11.1812.

11 Der Name des Darleihers ist nicht bekannt. Auch der von ihm angestrengte Prozeß ist dokumentarisch nicht zu belegen. Beethoven reichte am 13.6.1813, vertreten durch Dr. Karl von Adlersburg, beim niederösterreichischen Landrecht Klage gegen Fürst Lobkowitz ein (präsentiert am 19.6.1813), s. Max Reinitz, Beethovens Prozesse , in: Deutsche Rundschau 162 (1915), S. 260ff.

12 Ferdinand Frischhertz (um 1765 – 1815), Doktor der Rechte, Hof- und Gerichtsadvokat in Wien.

13 Lobkowitz befand sich bei seinem Regiment in Böhmen.

14 Gemeint ist Wenzel Kaspar Damm (geb. um 1780), von 1812 bis 1823 Kassier bei der fürstlich Lobkowitzischen Kasse in Wien.

15 Karl Schwabel Edler von Adlersburg (1774 – 1855), Doktor der Rechte, Hof- und Gerichtsadvokat und Notar in Wien. Er beriet Beethoven auch in den Auseinandersetzungen mit den Kinskyschen Erben, in der Streitsache mit Johann Nepomuk Mälzel wegen des Eigentumsrechts an op. 91 (1814) und in Vormundschaftsangelegenheiten (1815 – 1818).

16 In der Klage gegen Fürst Lobkowitz wurde als Beweismittel auch eine schriftliche Anweisung des Fürsten an seinen Kassier vom 10.2.1813 herangezogen, wonach Beethoven das rückständige Gehalt (1.9.1811 bis 1.3.1813) in Höhe von 1050 Gulden einschließlich Zinsen sowie die künftigen jährlichen Bezüge von 700 Gulden in Einlösungsscheinen, d.h. in der neuen Wiener Währung, ausgezahlt werden sollten. Diese Anweisung hatte Lobkowitz offenbar alsbald widerrufen.


© 1998 G. Henle Verlag, München