1321. Beethoven an Joseph Karl Bernard
[Mödling, 19. August 1819]
lieber B. Ich suchte sie gestern Abends, als mir O.[liva] ihren Brief brachte, sie waren aber abwesend, obschon mir o[liva] gewiß versicherte, sie zu Hause zu finden – natürlich schrieb ich Blöchl. [inger] gleich<,> noch gestern Abends im Wirthshause, daß er K. durchaus zu der Ober A — — — s Hinterschaft nicht bringen solle, dies muste ich O. geben, daß er es noch heute besorgte früh genug, ich hoffe es wird geschehen seyn –
wegen der Mutter wußte's ich schon, denn sie war gesehen worden, indem sie sich zu B. [löchlinger] begab, ich schikte mit Fleiß oliv. zu ihm, u. ich war es, der ihm auftrug, zwar <nicht> ohne zu entdecken, daß ich es wußte, ihm etwas derb zu zusezen, einem Menschen, der mir einen solchen Brief geschrieben, kann man schon etwas starke DecisirMittel darreichen. ich mag wegen dieser pest-erfüllten Person kein wort mehr an H.[errn] Blöchl. verlieren, ich sende ihm durch Steiner schon heute den Betrag für den künftigen am 22ten aug. einfallenden Monath, in dieser Lage, worin wir unß jezt befinden, indem einmal die Bestial. Mutter wie ich sehe, überall ihren Pest Hauch verbreiten kann, laße ich mich nicht auf ein halbes Jahr zu bezahlen, ein.
Karl hat höre ich von oliv., Blö [ch] l.um Erlaubniß gefragt, ob er mir seinen lateinischen Brief auf meinen Namenstag schreiben soll? – ich bin daher der Meynung, daß sie K. in Gegenwart des Hr. B. erklären, daß ich keinen Brief von ihm will, dies hätte er längst thun sollen, u. mir seine schlechten Streiche, wozu er sich von seiner Mutter theils u. auch theils aus eigenem antriebe hinreißen ließ, abbitten sollen, seine verstokthein , seine Undankbarkeit, seine Gemüthlosigkeit <sind>beherrscht ihn so, daß er, indem ol. da war, sich nicht einmal nach mir erkundigt hat, ja <die>als ich ihn das erstemal zu Blöchl. bey der Hand hinführte, zog er sobald wir ihnen nahe waren seine Hand von mir zurück, u. dies später als ich noch einmal mit ol. da war wieder – fort, meine Geduld hat ein Ende, ich hab ihn aus meinem Herzen aus gestoßen, viele Thränen um ihn diesen nichts würdigen geweint, nur wenn er von selbst den weeg finden wird, sich mir zu nahen, <so>und daß ich erst Proben habe, daß sein schlechtes Herz gebeßert ist, will ich sehn, ob ich ihn wieder anerkennen werde, meine Liebe zu ihm ist fort, er brauchte Sie, ich <bra>habe der seinigen nicht nöthig, u. seit er in dieser Pest-erfüllten nähe war u. jezt wieder ist, will ich nichts weiter von ihm wißen als daß ich für ihn bezahle u. sonst sorge –
dem H[errn] Magistrakts A — — — V — — — fter habe ich sagen laßen, daß meine Zeit es nicht erlaubte sonst wäre ich heute selbst gekommen, ich werde aber ehestens das vergnügen der Obervormundschaft Meine Aufwartung zu machen – nun aber <habe> glaube ich, daß es nöthig ist, unß auf die Hinterfüße zu sezen, indem wir der schrift, welche der Erzherzog rudolph dem E.[rzherzog] ludwig übergeben hat, noch nachtragen, daß ich selbst die vormundschaft übernommen, daß der vorige referent diese sache abgegeben aus Ursache der Partheilichkeit beschuldigt geworden zu seyn, kurzum, daß der M.[agistrat] immer eine Partey wider mich bilde, u. das Erziehung-Werk<,> dadurch gestört werde, u. ohnehin durch sein Einmischen mein Neffe ein ganzes Jahr verlohren habe an seinen Studien, daß er wegen ihren elenden Klatschereyen u. gewäsche u. das Gehör, welches die Mutter <doch>dort immer erhält, immer vorgerufen wird, u. ich immer gestört werde, u. sie sich alles gegen mich erlauben, ohnerachtet mein Neffe von mir erhalten wird, Auch mein H.[err] Bruder mit unter der Decke stecke, (er hat jezt ein Gut von 20000 Thaler oder gulden gekauft, u. sie können gewiß denken, daß er mit bestechen helfe) indem er ihn zum apotheker will, etc wir bitten also entweder um beydes nemlich: daß man ihn nach Bayern laße u. daß dem Magistrat aufgetragen werde mein Erziehungswerk nicht ferner zu stören u. sich in nichts mehr einzumischen oder um eins oder das andere, diese schrift können sie an Erzerzog Rudolph richten, dem sie sie auch selbst übergeben können, wo sie noch einmal mit ihm sprechen können, u. ihm vieleicht zufällig bekannt, werden, welches nicht unangenehm seyn wird, ich werde ihn von allem unterrichten, dieser schrift soll also der Erzerz. dem übrigen vorangeschikten beyfügen, er will selbst mit dem Kaiser sprechen – sie können mir nun darüber antworten, was K. betrift, so ist es so geschrieben, daß er es von ihnen aus dem Briefe hören soll, es versteht sich von selbst, daß ich nicht so denke, <ich liebe ihn noch wie sonst ohne schwäche u. zu große vorliebe, ja ich kann wirklich sagen, daß ich oft um ihn weine,> meine Lage mit meinen verschloßenen Sinnen ist an sich so hart, u. welche widrige Ereigniße u. abscheuliche Begegnungen für so große Aufopferungen, welche auch diese<s> schlechte volk hat gewußt herunter zu machen – oli. wissen sie wohl, wie er bey mir steht, allein leider bedarf ich in meiner Isolirten Lage d.g. Menschen, er fällt mir zur Last in rücksicht des Geldes noch obendrein, wie es scheint, betrachtet er sich als besoldet von mir, was ist da zu Ändern – Ergebung – meine Gesundheit ist sehr angegriffen, so daß ich kaum beym schreiben aushalten kann – gehn sie nun hin zu Blöchl., ich mag nicht mehr dorthin gehn, weil ich dieser abscheulichen Begleichungen zwischen mir nicht leiden will mit dieser Person u. ihre Klatschereien gegen mich nicht widerlegen will. –
in Eil ihr
Beethoven
am 19ten aug. [1819]
Zusäze –
so eben langt der Brief von Karl an, er folgt hiemit wieder zurück, ich bitte troz Hr. B [löchlinger] ihm selbst ihn wieder einzuhändigen – Es ist kein Herz drin, nicht einmal der wunsch mich zu sehen oder zu sprechen, er soll mich aber auch, so lange ich lebe nicht mehr sehn, dieses scheusal, u. die pestartige Mutter, die ihn so zugerichtet hat, treibt nun neuerdings wieder ihre Intriguen beym instituteur –
sie sagen ihm, daß es sich geschikt hätte sich deshalb bey mir anzufragen, hätte er mir eine Grobheit zu erzeigen gehabt, so würde er nicht ermangelt haben, der Esel – u. daß, wenn sie schon kommt, welches auf das seltenste geschehen soll, sie vorher es sagen muß laßen, wann sie kommt, Tag u. Stunde – daß er sich nicht unterstehe ihn aus dem Hause gehn zu laßen zu ihr, sonst soll er mich kennen lernen – ich will gar nicht mehr daß er bey Karl von mir spricht, neben diesem Ungeheuer von Mutter ist ohnehin alles verlohren
bedauren sie mich, für solches Gesindel so viel aufgeopfert zu haben –
eilen sie mit der schrift . ich bitte ich bitte – vieleicht sehe ich sie dieser Täge einen Augenblick.
Karl soll mir nicht mehr schreiben, fort mit ihm für immer. nur das Geld hergeben –
ihr jeziges hinkommen gestatte ich nur, so lange ich nicht in der stadt bin. –
Nb: in ihrer Gegenwart laßen sie sich den Brief von Karl zeigen, damit sie ihn auch lesen –
[Nachschrift]
in dem Briefe vonKarlanKarl ist das Monathgeld für B. [löchlinger] – ich laße ihm sagen, daß falls ich sehe, daß bis ende oktober ruhe ist, ich ihm sodann das ha[l]be Jahr entrichten werde – von unserer u. Absichten kein Wort. – sehn sie doch daß sie längstens übermorgen hingehn, denn am 22ten ist der Monath von B. geendigt.
das beste wäre die vormundschaft niederzulegen ohne jemanden zu wählen, u. Karl seinen schicksaale gänzlich zu überlaßen den er ist schon ein zu großer taugenichts u paßt am besten zu seiner Mutter u. zu meinem Pseudo-Bruder
1
Datierung entsprechend dem zweiten Briefteil ("Zusäze"), der möglicherweise einige Stunden später geschrieben, aber gemeinsam mit dem ersten Teil abgesandt wurde.
2
Nicht erhalten; wahrscheinlich ein Brief, in dem Bernard die Vorladung des Neffen vor den Magistrat am 19.8.1819 mitteilte. Anscheinend war auch Beethoven geladen worden.
3
Das Schreiben ist nicht erhalten (Brief 1320).
4
Gemeint ist die Obervormundschaftsbehörde, der Wiener Magistrat.
5
Beethoven bezieht sich auf einen nicht überlieferten Brief Joseph Blöchlingers um den 22.7.1819, vgl. Brief 1316 .
6
Johanna van Beethoven.
7
Der Neffe war am 22.6.1819 in Blöchlingers Erziehungsinstitut eingetreten. Beethoven zahlte monatlich 75 Gulden Schulgeld. Aus dem weiteren Verlauf des Briefes wird deutlich, daß er den Betrag dem vorliegenden Brief beilegte und nicht durch Steiner überreichen ließ.
8
Beethovens Namenstag war der 25. August.
9
Verstocktheit.
10
Ursprüngliche Wortfolge: "hinführte bey der Hand" ; Umstellung durch Bezifferung.
11
Magistratsrat Franz Xaver Piuk, seit Anfang Mai 1819 der zuständige Referent der Obervormundschaftsbehörde.
12
Beethoven hatte gegen Ende Juni 1819 an Erzherzog Ludwig eine Bittschrift gerichtet, in der er um Bewilligung eines Passes für seinen Neffen zur Ausreise nach Bayern ansuchte. Karl sollte zu Johann Michael Sailer in Landshut in Erziehung gegeben werden, vgl. die Briefe 1305 , 1306 und 1308 .
13
Vgl. Beethovens Schreiben an den Magistrat vom 5.7.1819 (Brief 1311). Am selben Tage hatte Mathias Tuscher die Vormundschaft niedergelegt.
14
Magistratsrat Leopold Joseph Pianta. Er hatte den Fall Ende April/Anfang Mai an Piuk abgegeben.
15
Johann van Beethoven hatte am 2.8.1819 das Gut "Wasserhof" in Gneixendorf erworben, s. TDR IV, S. 165 nach Aufzeichnungen von Ferdinand Luib.
16
Bernard war an der Stelle des Bibliothekars bei Erzherzog Rudolph interessiert, vgl. Brief 1306 vom 9.6.1819.
17
Die Passage ist mit Bleistift durchgestrichen. Ihre Tilgung entspricht Beethovens unversöhnlicher Haltung in der Nachschrift.
18
Offenbar der erste Brief seit Karls Eintritt in Blöchlingers Institut, nicht erhalten, wahrscheinlich am 17.8.1819 geschrieben. Beethoven hatte das Ausbleiben mehrfach beklagt, s. Brief 1316 und 1315, Anhang. Bernard hat den Brief nicht zurückgegeben, s. Brief 1326 .
19
Blöchlinger.
20
Gemeint ist der zuvor besprochene Nachtrag zu Beethovens Bittschrift an Erzherzog Ludwig vom Juni 1819.
21
Johanna van Beethovens Besuche im Institut Blöchlingers.
22
Seitlich auf der 9. Seite, der ersten Seite der "Zusäze" .
23
Beethoven meint offenbar den soeben eingetroffenen Brief des Neffen, den er zurückschicken wollte.
24
Zu ergänzen "Bittschrift" oder "Schrift" , s. auch Brief 1322 .
25
Johann van Beethoven.