1365. Beethoven an Peter Joseph Simrock in Bonn
Wien am 10t Februar 1820.
Lieber Simrock!
Sehr beschäftigt kann ich jetzt erst ihr letztes Schreiben an mich beantworten, ich erhielt nichts von ihnen, was einen Plan der Herausgabe meiner Sämmtlichen Werke angedeutet hätte, ich bitte darum baldigst, indem mir manches darüber schon mitgetheilt worden, welches mir aber eben nicht für die Dauer ausführbar scheint, gewiß würde dieses Unternehmen bey ihnen am besten ausgeführt werden können – Sie wünschen Werke von mir, ich zeige ihnen daher an, was ich ihnen wohl geben könnte, so wie auch zugleich das Honorar , Sie wissen ohnehin, daß ich von ihnen nicht mehr als von andern nehme. – z.B. 25 Schottische lieder mit englischen Texte u. mit Begleitung des Piano Violin u. Violonschell (beide ad libitum) unter diesen Liedern oder Gesängen ist ein Duett u. 4 davon mit Chören, sie könnten vielleicht Sie in beiden Sprachen Englisch u. Deutsch herausgeben – Sie sind übrigens leicht, immer mit Ritornellen am anfang u. am Ende auch inzwischen zuweilen versehen, u. können für kleine häußl. Zirkel dienen – das Honorar 60 Dukaten in Gold – 8 Themata mit Variationen für Klavier u. eine Flöte ad libitum, worunter 6 Themata Schottische Lieder u. ein rusisches zum Grunde haben, die 2 andern Them. sind Tyroler gesänge – (ebenfalls leicht) Honorar 70 Dukaten in Gold.
Große Veränderungen über einen bekannten Deutschen – welche ich ihnen unterdeß nicht zusagen kann noch vor der Hand, u. wovon ich ihnen, wenn sie solche wünschen, das Honorar alsdann anzeigen werde. –
Was die Messe betrift, welche nun bald aufgeführt wird, so ist das Honorar 125 Louisdor – Sie ist ein großes Werk. – ich muß sie aber bitten, mir längstens in einigen Wochen die Antwort zu geben, denn sonst verliehre ich, indem ich aufgehalten bin andern diese Werke zu geben, wenn es mit dem Plan der Herausgabe meiner Sämmtl. Werke bei ihnen in Richtigkeit wäre, so würde ich ihnen um so lieber sowohl diese Werke als andere gern überlaßen, indem Sie alsdenn am besten in ihren Händen wären – Was Ka(rl)* betrift, so konnte ich ihn nicht einmal nach Landsh(ut?)* zu dem berühmten u. würdigen Profeßor Sailer b(ringen)* was glauben sie, wie man schreien würde über Bonn, man würde gleich aus dieser Bonna eine Mala machen – in diesem Stücke haben die Chinesen u. Japanesen noch einen Vorzug vor unserer Kultur, wenn sie niemanden außer Landes laßen, da wenigstens eine andere Religion , andere Sprache andere Sitten für Sie anstößig gefunden werden können, was soll man aber Sagen, wenn man so zu sagen aus einer Provinz in die andere nicht darf, wo Religion etc alles eben so höchstens vielleicht beßer ist?!!! –
Mein gnädigster Herr Erzbischof u. Kardinal hat noch nicht Geld genug, seinem ersten Kapellmeister gehörig das Seinige zukommen zu laßen, dies dörfte noch eine Weile währen – daher muß man sich den Zehrpfennig wo anders hernehmen, in dieser Rücksicht, da ich, wie öfter, mein PflugFeld Brach habe liegen laßen, ersuche ich sie nochmals mir die Antwort auf Alles Presto Prestissimo zu senden, damit ich damit was Rechtens verfahre – Es braucht keiner andern Adreße als den Namen ihres Freundes
auf diese Weise erhalte ich alle Briefe.
Beethoven
An Seine Wohlgebohrn Herrn P.J. Simrock Kunst u. Musikalien Händler in Bonn (am Rhein).
1
Nicht erhalten. Der Brief wird auch zu Eingang von Brief 1370 erwähnt.
2
Beethoven hatte Simrock bereits am 15.2.1817 um Äußerung zu diesem Plan gebeten, s. Brief 1084 .
3
Op. 108, 1822 bei A.M. Schlesinger in Berlin erschienen.
4
Op. 108 Nr. 9 (Duett), op. 108 Nr. 1, 13, 19 und 22 (Chor).
5
Op. 107 Nr. 2, 4, 8, 9, 10, 3 (russisch), 1 und 5 (Tiroler).
6
Gemeint sind die Diabelli-Variationen op. 120. Das Werk hatte Beethoven im Sommer 1819 begonnen, dann aber zugunsten der Missa solemnis bis 1822/23 zurückgestellt, vgl. William Kinderman, Beethoven's Diabelli Variations , Oxford 1987, S. 4ff.
7
Die Missa solemnis. Zum Zeitpunkt des Schreibens waren erst Kyrie und Gloria vollendet. Das Werk wurde erst 1822 abgeschlossen.
8
Dieser Plan scheiterte am Widerstand der Mutter und des Wiener Magistrats, der mit seinem ablehnenden Votum vom 7.5.1819 die Ausstellung eines Reisepasses für den Neffen verhindert hatte.