1469. Carl Friedrich Peters an Beethoven
Leipzig, 15. Juni 1822
Hr L. von Beethoven in Wien
Leipzig den 15. Juny 1822
Ew hochwohlgeb.[oren] geehrte Antwort hat mir viel Vergnügen gemacht, nicht bloß weil Sie Sich darinnen zur Erfüllung meiner Wünsche geneigt zeigen, sondern Ihre Sprache war auch so freundlich und zutraulig, daß ich in Ihnen eben so sehr den Menschen lieb gewann als ich den Künstler verehre; doch wie selten ist etwas vollkommen, denn so sehr ich mich über Ihren Brief freute, so schmerzlich war es mir auch, Herrn Steiners wirklich hinderlistiges Verfahren daraus kennen zu lernen.
H.[err] Steiner war die vorzügligste Veranlaßung daß ich nicht schon längst eine Verbindung mit Ihnen gesucht habe, weil ich ihm nicht zu nahe treten wollte und auch in jetziger Messe fragte ich ihm erst, ob er es gern sehen würde, allein da er mir sagte, daß Sie ihm aufgefordert hätten, Bestellungen für Sie anzunehmen, da es ihm recht lieb schien, wenn Ihre Werke an mich und nicht an den Juden Schlessinger kämen und endlich unaufgefordert sich erbot, für mich zu sorgen, ja sogar mich ersuchte, ihm eine Bestellung für Sie mitzugeben, dann erst entschloß ich mich zu dem was ich gern längst gethan hätte. Recht kränkend ist mir H.[errn] Steiners treulose Handlung, weniger mehr des Gegenstandes wegen, denn durch Ihre Güte kann ich nun seiner Hinterlist entgegen arbeiten, sondern weil er mir den Glauben an einen Freund zerstöhrt hat, denn als solchen hielt ich ihn und ein solcher war ich ihm und eine traurige Erfahrung in der Freundschaft ist mir schmerzliger als ein andrer Verlust. Ich bin so gern offen und herzlich, bin es oft zu sehr und zu meinem Nachtheile, daß ich solches aber auch bei Steiner erfahren würde, hätte ich nicht geglaubt, doch allen Sündern sey vergeben, und auch ihn will ich in Frieden gehen lassen – das Bewustsein seiner Schuld mag ihn bestrafen und meine fortdauernde offne ehrliche Handelsweise mag ihn beschämen, denn erfahren soll er von dem vorgefallenen nichts, weil Sie es wünschen – aber vorsichtig werde ich künftig gegen ihn werden. Ich danke den Himmel für die Lage in die er mich versetzt hat, aber als Mensch passe ich nicht recht zum Musikverleger, dächten diese alle wie ich, es wäre eine Lust unsern Handel zu betreiben und den Künstlern könten wir weit mehr zuwenden, allein unter den Verlegern herrscht nur das Streben nach Vortheil und Freundschaft gegen einander, sobald sich kein Vortheil damit verbindet, ist <mir> ihnen fremd – und ich will hoffen, daß Steiner, so sehr auch alles gegen ihn spricht, nicht sowohl absichtlich sondern aus Schwäche falsch an mir gehandelt hat.
Was ich zunächst von Ihrer Composition zu haben wünschte und weshalb ich Steiner beauftragte, war:
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1. Quartett |
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für |
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Pianoforte, |
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Viol. [ine] |
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& c |
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1. Trio |
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— |
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do |
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do || |
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1. Concert-Ouverture à grand Orchestre |
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Lieder für Pianoforte |
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Kleinere SoloSachen für Pianoforte , als Capriccios Divertissements &c |
Dies glaube ich wenigstens notirt zu haben, denn gewiß weiß ich nicht mehr alles, allein diese Sachen würden mir vor erst am besten in mein Repertoire passen.
Wenn Sie also etwas von dergleichen Werken fertigen, so bitte ich, mir solche zu überlassen, indeß gehe ich zu dem was Sie bereits fertig und mir gütigst angeboten haben.
Das vorzügligste unterselbigen ist Ihre große Messe, welche Sie, nebst dem Klavierauszuge, für Ein Tausend Gulden Convent. [ions] Münze mir überlassen wollen und <ich> zu deren Annahme, um diesen Preis, ich mich hiermit bekenne.
Als Wahrheit liebender Mann versichere ich Ihnen, daß Unternehmungen dieser Art die unvortheilhaftesten sind die wir nur machen können, nicht allein weil solche viel kosten und keinen großen Absatz haben können, sondern weil wir auch, in der langen kostbaren Zeit die wir zu deren Herausgabe brauchen, eine Menge andre<r> gangbare Werke drucken könnten, allein ich wähle dieses Werk zuerst um Ihrentwillen, zweitens, zur Ehre meiner Handlung, worauf ich eben sosehr als auf Gewinn sehe, drittens, weil mir Steiner sagte, daß Schlessinger auch darum handle, nun und in die Hände eines Juden, zumal eines solchen Juden, kann doch eine geistliche von einem Beethoven komponirte Messe nicht kommen.
Zwischen offnen Männern wie wir sind, bedarf es keines Contrakts, wollen Sie aber einen solchen, so senden Sie mir ihn und ich sende Ihnen solchen unterzeichnet zurück, wenn aber nicht, so geben Sie mir gefälligst bloß schriftlich, daß ich jeneMesse nebst Klavierauszug für < F > Ein Tausend Gulden in 20 f fuß, erhalten soll und bemerken Sie dabei, wenn ich solche werde erhalten können und daß solche dann für immer und einzig mein Eigenthum sey. Ersteres wünsche ich, damit ich diesen Handel als abgemacht betrachten kann und die Zeit wünsche ich, um mich wegen der Herausgabe einrichten zu können – –
Wäre ich ein reicher Mann, ich wollte Ihnen dieses Werk ganz anders bezahlen, denn ich vermuthe daß es etwas recht tüchtiges ist, zumal da es ein Gelegenheitsstück ist, allein für mich sind f 1000. für eine Messe eine große Ausgabe und das ganze Unternehmen geschieht wahrhaftig bloß um mich Ihnen und der Welt als ein Verleger zu zeigen der etwas für die Kunst thut.
Doch eine Bedingung muß ich Ihnen dabei noch machen, nehmlich daß niemand erfahre, wie viel ich Ihnen für diese Messe gezahlt habe, wenigstens vor mehrerer Zeit niemand es erfahre; ich bin kein vermögender Mann sondern muß mich placken und sorgen, allein ich bezahle die Künstler so gut als ich vermag und im allgemeinen besser als andre Verleger, ich weiß daß man darüber spricht und möchte mich wegen jener Messe keinen Raisonnement aussetzen, da f 1000 für ein Kirchenstück wirklich sehr viel für mich sind <unter> und ich solche, unter andern Umständen als die jetzigen, auch schwerlich je zahlen würde.
Da ich dies große Werk von Ihnen nehme, so würde es für meine Zeit-Kräfte nicht wohl rathsam sein, wenn ich vor jetzt noch mehr größere Gesangwerke von Ihnen übernehmen wollte, denn ich muß doch auch viel Werke andrer Gattung drucken, dagegen möchte ich auch nicht gern die Messe allein von Ihnen bringen sondern mit mehrere[n] Werken auftreten, um Sie dadurch zugleich in den Stand zu setzen, den Wiener Verlegern erklären zu können, daß Sie mit mir wegen Ihren künftigen Werken ein Abkommen getroffen hätten und mir fortwährend etwas zukommen lassen müßten, daher würde mir es lieb sein, wenn Sie mir noch einiges andre zukommen ließen.
Als solches +welche Sie schon fertig haben+ wünsche ich zuerst einige einzelne Lieder für Pianoforte , zweitens, einige Bagatellen für Pianof allein, drittens die 4. Militarische Märsche mit türkscher Musik (wenn das Honorar derselben nicht zu theuer ist, denn diese Sachen gehen nicht so stark, weil sie zuviel abgeschrieben werden) endlich möchte ich wohl auch noch Ihr neues Quartett für 2 Viol &c haben, allein 50. Ducaten möchten doch meine Kräfte übersteigen, denn das theuerste, was ich bis jetzt für ein Quartett für Viol . zahlte, waren f 150. C.M . und ich habe dabei zu thun ehe ich meine Rechnung finde.
Ich glaube, durch diesen Anfang Ihnen zu beweisen wie sehr es mein Ernst ist, mit Ihnen in eine coulante Verbindung zu kommen und Ihre Zufriedenheit zu erhalten, zumal wenn Sie berücksichtigen, mit wie vielen andern guten Künstlern ich schon in Verbindung stehe und daß ich viel andre Werke zu drucken habe, denn sonst würde ich mir gleich noch mehr von Ihnen erbitten.
Was die Herausgabe Ihrer sämtlichen Werke betrifft, so ist dies eine Idee an die ich schon oft gedacht habe, allein über diesen Gegenstand kann ich mich heute nicht auslassen und Ihnen meine Ansicht erst in einem spätern Schreiben mittheilen denn der nahe Abgang der Post gestattet mir keine Zeit dazu, die heutige Post möchte ich aber nicht übergehen, damit Sie die gewünschte baldige Antwort erhalten.
Ich empfehle mich Ihnen bestens, erwarte eine baldige angenehme Antwort und verharre mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ganz ergebenster
C.F. Peters
Wenn Hr Steiner Ihnen wieder Propositionen macht, so dürfen Sie ihm ja nur die Wahrheit sagen daß ich mich nehmlich, mit SteinersWissen und Willen, directe an Sie gewendet habe und Sie mir künftig von Ihren Compositionen zugesagt hätten – meine Handlungen sind gewiß stets so offen daß solche die ganze Welt sehen kann.
Sr Hochwohlgeb Herrn Louis van Beethoven Berühmten Tonkünstler in Wien
frey empholen
1
Seitlich am Rand ergänzt, mit einer geschweiften Klammer als für den ganzen Absatz gültig gekennzeichnet.
2
Beethoven fügte seitlich mit Bleistift an: "8 # " .
3
Von Beethoven mit Bleistift angekreuzt.
4
Darüber von Beethoven mit Bleistift: " Nb: " . Am unteren Rand dazu die Anmerkung (schwer lesbar): "dieses <ist>wenigstens kann ich ihm tiefer [?] nicht bieten vieleicht später ein andres da d.g. [darüber: "gerade selbige"] hier am Stärksten + + honorirt werden" . Vgl. Beethovens Antwort in Brief 1478 vom 6.7.1822.
5
Daneben von Beethoven mit Bleistift: "in # macht dieses 33 # u. 2 fl. w[.w.]" .