1571. Beethoven an Friedrich Duncker in Berlin
Vien am 18ten Februar 1823
Mein Verehrter Freund!
Im Geiste wie oft bin ich mit ihnen! freylich sollte für Freunde eine eigene Telegraphie statt finden, welch großer Schneller Seelenverkehr würde alsdenn unter Geistes Verwandten sich befinden können, nun wie brach oft das Feld des innigsten Zusammenhangs unter Seelen-Menschen!! wie lange hörte ich nichts von ihnen, indem sie doch gewiß für viele wirken, wenn nun öfter keine Gelegenheit sich trift, wo man glaubt sich etwas sagen zu müßen, oder sich einander gar ungelegen zu kommen, so muß man die Nothwendigkeit doch preisen, welche unß heischt, unß denjenigen wieder ganz nahe zu bringen, von denen wir Wißen, daß gerade wir ihnen denn am willkommensten sind, wo sie edle Menschen-Tugenden ausüben können – seit 3 Jahren immer kränklich, so War ich kaum vor 2 Jahren bey der Ankunft ihres Freundes allhier von Rheumatischen Zustanden ziemlich genesen, als ich gleich nach Seiner Abreise von Hier von <die>der Gelbsucht befallen wurde, u. den Vergangenen winter von einer Brustkrankheit, mit welchem leztern Zustand es zwar beßer, ich aber noch nicht gänzlich genesen bin, u. vieleicht erst im Sommer meine völlige Genesung vermittelst BadeÖrter erhalten kann –
ich habe unterdeßen doch vieles geschrieben, unter andern eine große solenne Meße, bey so vielem nach Oben sehen, das Glücklichste des Menschen, wird er aber endlich auch gezwungen, sich um das nächste bekümmern zu müßen, meine Kränklichkeit, meine sorge für meinen angenommenen sohn Karl, (ein jezt hoffnungsvoller Jüngling von 16 Jahren, Schon ganz zu Hause in den alten herrlichen Geistesschäzen der Römer u. griechen, jedoch auch hier fordert die Gegenwart schon viel, u. für die Zukunft muß auch gesorgt werden, alles dies treibt mich denn doch <mich denn doch> mehreres zu sammlen von dem, was der Mensch Güter für das Leben heißt, so geschieht manches, was man sonst nicht beachtet hätte, ich kommen nun wieder auf die oben berührte große solenne Meße, welche auch als oratorium könnte gegeben Werden, ich habe alle vorzüglichsten Höfe eingeladen, darauf zu subscribiren , da sie nur in Manuscript erscheinen soll, ich wendete mich deswegen auch hier an den Fürsten Hazfeld , welcher versprach mein Gesuch <das> inbetreff der Meße an Sr. Majestät den König von Preußen gelangen zu machen, das Honorar beträgt 50 # , wenig Subscribent. helfen nicht viel, da die Auslage für die Copiatur groß ist, vieleicht können sie hier mit wirken, daß der König unterschreibt, an fürst Radziwil schrieb ich ebenfalls deswegen, vieleicht würde auch der Fürst selbst subscribiren , ich weiß, daß sie gern für andere u. für mich nicht weniger gutes wirken, wo sie können; –
Nun geliebter Freund schließe ich, mein wunsch wäre nur einmal unß wieder zu sehen, u. Seele in Seele blicken zu laßen, aber auch im entbehren dessen bleibt das andenken ihrer Liebe u Freundschaft mir immer im Gedächtniß, u. ihre übrigen schöne Geistesvorzüge sind mir ebenfalls sehr oft gegenwärtig. –
ihr mit Liebe und Verehrung allzeit Ergebenster
Beethoven
(An Zelter schrieb auch dieserhalb.)
1
Johann Friedrich Leopold Duncker (gest. 1842), Kabinettssekretär des Königs von Preußen. Er war 1814 in der Begleitung König Friedrich Wilhelms III. zum Kongreß nach Wien gekommen und logierte in dieser Zeit bei Giannattasio del Rio. Beethoven komponierte im Frühjahr 1815 die Musik zu Dunckers Trauerspiel Leonore Prohaska WoO 96.
2
Die Lesung "8" ist sehr unsicher.
3
Nicht zu identifizieren.
4
Juli/August 1821.
5
Op. 123.
6
Vgl. Brief 1525 und 1550 .
7
Fürst Franz Ludwig von Hatzfeld zu Trachenberg (1756 – 1827), königlich preußischer Gesandter in Wien.
8
Brief 1552 und zuvor Brief 1529 .
9
Brief 1558 , nicht erhalten.
10
Brief 1563 .