1607. Beethoven an Nikolaus Simrock in Bonn
Vien am 10ten März 1823
Lieber Simrock !
Ich muß mir denken, wie wunderlich ich ihnen vorkomme, allein, so wie eine Zeitlang her haben sich niemals meine Zeit meine Umstände durchkreuzt. Sie erhalten von mir ganz sicher eine Meße, ich habe aber noch eine Meße geschrieben, u bin noch zweifelhaft, welche ich ihnen geben soll, dies der jezige Aufenthalt, gedulden sie sich nur noch bis nach ostern, wo ich ihnen also gleich anzeigen werde, wann ich eine von diesen Meßen abschicken werde an H.[errn] v. Brentano u. ihnen dieses sogleich anzeigen werde – ich schreibe jezt näc[h]stens noch eine Meße für unsern Kaiser –
anbieten von sonstigen werken kann ich ihnen nicht viel, da ich wirklich von allen Seiten gedrängt bin, doch könnte ich ihnen eine neue overture vieleicht geben, +welche ich bey der Eröffnung des neuen Josephstädter Theater geschrieben + das Honorar wäre 50 # , sie ist im großen Stylie geschrieben, unter andern wenn sie etwas d.g. gebrauchen können, z.B. die ruinen von athen <vorspiel>Nachspiel von Kot zebue mit Chören arien duetten so auch ein vorspiel von selbem König Step han Ungarn's wohlthäter , auch mit Chören u. beynahe durchaus melodramatisch gehalten, sie könnten mir einmal darüber schreiben, dem sey nun wie ihm wolle, <die>eine <M>von diesen 2 großen Meßen schon geschrieben, erhalten sie ganz gewiß, nur bis na[c]h Ostern gedulden sie sich, wo ich entschieden seyn werde, welche ich ihnen schicke. –
sie hätten wohl große Lust zu Lachen über mein anscheinend unordentliches Betragen, allein erst seit einiger Zeit darf ich hoffen meine Gesundheit wieder zu erlangen, dabey geplagt von allen Seiten, wären sie nur hier, so könnten sie sich bald
Licht allem verschaffen – leben sie wohl grüßen sie Herzlich alle die ihrigen u. alle diejenigen, denen sie glauben es angenehm zu seyn. –
wie immer ihr Freund
Beethoven
lieder, Bagatellen oder Kleinigkeiten für Klawier können sie auch erhalten et.
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Das Schreiben war Brief 1608 beigelegt und wurde erst am 12.3.1823 auf die Post gegeben, wie einer Notiz Beethovens in seinem Kalender für das Jahr 1823 zu entnehmen ist (Berlin, Staatsbibliothek, aut. 35,87c: "am 12 März an Brentano u. Simrock").
2
Beethoven hatte Simrock die Missa solemnis bereits 1820 fest zugesagt, s. u. a. Brief 1400 vom 23.7.1820. Eine andere Messe lag nicht vor.
3
Op. 124.
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Op. 113.
5
Op. 117.
6
Wahrscheinlich sind einige frühe und unvollendete Kompositionen gemeint, die Beethoven 1822 aus seinen alten Manuskripten hervorgesucht hatte, vgl. Alan Tyson, A Beethoven Price List of 1822 , in: Beethoven-Essays, hrsg. v. Lewis Lockwood und Phyllis Benjamin, Cambridge Mass. 1984, S. 53 – 65. Zu dem vorliegenden Brief ist in einem Konversationsheft ein Entwurf (2 beschriebene Seiten, Tinte und Bleistift) überliefert, der nach der internen Chronologie des Heftes zwischen dem 24. und 27.2.1823 niedergeschrieben worden sein dürfte; Berlin, Staatsbibliothek (aut. 51,24 Bl. 18v – 19r; vgl. BKh 3, S. 90f.):
"+ ich schre[i]b.[e] noch 2 ander.[e] + 3 Meßen werde.[en] geschrieb.[en]
an Simrock – ich habe derweil bald eine andere Meße vollendet u. das ist die Ursache, warum sie noch warten müßen, ich bin noch nicht entschieden, welche Sie wollen, ich bitte sie daher auch zu schreiben, daß sie selbe auf jeden Fall nehmen für – für Sinfon. [ie] auszug danke ich, auch bitte ich mir die Partituren , welche sie mir zugedacht, doch zu schicken – +mit den Sinfoniepa [r] ti [turen] halten sie doch zurück wegen der herausg.[abe] Sämtlich.[er] Werke+
Es wird nicht lang dauren, wo ich ihnen diese Meße schiken kann
sobald die 2.te fertig melde ich ihnen es, u so erhalten sie se[l]be, sie verliehren nich[t]s dabey, im gegentheil gewinen sie noch. – die Ursache, warum ich <nicht> so lange zurückhielt, war weicht [recte: weil] ich nicht wußte, welche M.[esse] ich ihnen geben sollte – diese ist für den Kaiser Bestimmt – ".