1926. Beethoven an Heinrich Albert Probst in Leipzig
vien am 26ten Jenner 1825
Mein geschäzter Herr Probst!
wie sehr leid ist es mir, daß sich diese erste übereinkunft auf eine gewiße weise zerschlagen muste, hören sie die offene sprache eines eben so offenen Mannes – diese Werke gehörten alle meinem Bruder, der mir, da meine Umstände eben <noch> nicht sehr glänzend, eine Summe hierauf vorgeschoßen u. so eigentlich dadurch Eigenthümer davon geworden – ihre selbst gemachten Schwierigkeiten, die sprache, welche Hr. Loidl allhier gegen ihn oder vielmehr bey ihm gegen mich führte, daß sie alle werke erst prüfen sehn wollten, ehe sie selbe Honorirten , empörte meinen <Bruder> so sehr für mich blind Enthusiastischen eingenommenen Bruder daß er durchaus nicht mehr die werke geben wollte, ich mogte sagen was <ich>nur <wollte>immer, selbst " Nunc dimitte <dimitte> illis, quia Nesciunt, quid faciant " dieser Zuruf wollte nichts fruchten, ich hatte <die>wirklich alles mögliche angewendet, um ihn zu bereden, da er aber sehr weit entfernt von mir auf seinem LandGute war, so hofte ich endlich bey meiner u. seiner Zurückkunft in die stadt alles mit ihm noch richten zu können, nun hatte er aber, als er hieher kam, viel vortheilhaftere Anträge von andern verlegern erhalten, da er selbst Handelsmann ist, so behauptete er immer, daß diese werke zu niedrig wären angeschlagen worden, hierauf war es schwer, etwas weiter zu erwiedern, er behauptete daher immer, sie würden ihm nie das zugestehn, was er anderwärts erhalte, er versprach mir aber nun, daß er an Sie schreiben werde, u. da ich ihm sagte, daß ich nun nichts mehr zu thun wisse, diese sache nach meinem wunsche zu schlichten, so bat ich ihn ihnen zu schreiben, daß ich ehestens ihnen andere werke, welche ihnen vieleicht noch lieber, dafür vorschlagen werde – dies ist der wahre Gang <der>dieser Angelegenheit – ich bin eben im Begriff neue Violin quartetten zu schreiben, sobald ich 2 oder eins vollendet habe, werde ich ihnen schreiben, ich erhalte gewöhnl. 50 # in Gold für eines auch noch mehr die Kopiatur Kosten, welche unterdeßen nicht so stark, vergütet man mir auch – wollen sie nun 2 quartett. so schreiben sie mir, sobald selbe vollendet, schreibe ich ihnen u. gegen das Honorar etc werden die werke abgegeb. – ich glaubte sie müsten durch einen Brief von meinem Bruder aufgeklärt worden seyn, auch mit Hr. Loidl hat er, wie er mir ganz sicher versicherte, über diese sache sich hinlängl. geaüßert. +übermäßig überhaüft beschäftigt kam ich kaum dazu mit ihm weiter, darüber reden zu können – + – es thut mir sehr wehe, daß sie selbst ein wenig schuld sind, daß meine guten Absichten für sie gescheitert sind, für ihre mir übrigens so Freundlich bezeigten Gesinnungen bin ich ihnen dankbar, besuche ich leipzig, so werde ich mich gewiß bey ihnen einfinden, u. sie werden einen in der schule des Unglücks erzognen Menschen an mir finden. –
Hochachtungsvoll ihr Ergebenster
Beethoven
An Seine wohlgebohrn Hr. Probst Berühmten Kunst u. Musikal. Händler in Leipzig
1
Beethoven hatte Probst die Lieder op. 121b, op. 122 und op. 128, die Ouvertüre op. 124 und die Bagatellen op. 126 zum Preis von 100 Dukaten zugesagt, diese aber schließlich Schott für 130 Dukaten verkauft, s. die Briefe 1788 vom 10.3.1824, 1796 vom 22.3.1824 und 1918 vom 29.12.1824
2
Johann van Beethoven hatte im Herbst 1822 seinem Bruder ein Darlehen in nicht bekannter Höhe gewährt und sich zur Sicherheit mehrere Werke übereignen lassen.
3
Der Lederwarenhändler Joseph Loydl war Probsts Geschäftspartner in Wien. Bei ihm sollten die Manuskripte der zugesagten Werke gegen Auszahlung des Honorars eingeliefert werden.
4
Dieser Vorfall hatte sich offenbar Anfang August 1824 ereignet, s. Brief 1862 vom 16.8.1824.
5
"Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" , Lukas 23, Vers 34.
6
In Gneixendorf.
7
Beethoven hatte den Sommer 1824 zunächst in Penzing und von Mitte Juli an in Baden verbracht. Er kehrte erst im November (vor dem 16.) nach Wien zurück.
8
Ein solcher Brief ist nicht bekannt, s. aber den Briefentwurf 1911 an Loydl vom Dezember 1824.
9
Beethoven komponierte im Auftrag des Fürsten Galitzin drei Streichquartette, von denen das erste, op. 127, fast vollendet und das zweite, op. 132, soeben begonnen war.
10
Dies war der mit Schott vereinbarte Preis für op. 127.
11
Siehe Brief 1911